Porträt Bruder Mike Goldsmits
Mein Name ist Mike Goldsmits und seit 2012 ist der Salesianerorden mein Hause. Ich bin 44 Jahre alt, obwohl mich Jugendliche meist jünger schätzen - vielleicht weil ich ziemlich locker und dynamisch rüberkomme. Im Orden gehöre ich auch zur jüngeren Generation. Eingetreten bin ich mit 33 Jahren, was heute durchaus ein normales Alter für Novizen aus Nordeuropa ist.
Es bedeutet, dass man vorher ein völlig eigenständiges Erwachsenenleben geführt hat. Bevor ich meine Gelübde ablegte, stellte ich mir daher viele Fragen: Werde ich es schaffen, mich den Ordensregeln unterzuordnen? Kann ich um Dinge bitten, die ich brauche? Bin ich bereit, auf eine eigene Familie zu verzichten? Tatsächlich erwies sich die Ehelosigkeit als gar kein so großes Hindernis, wie man vermuten würde. Das hat wohl etwas mit meiner Sozialisation zu tun.
Ich bin in Dormagen bei Düsseldorf als Einzelkind aufgewachsen. Meine Mutter war evangelisch, mein Vater ist katholisch, ich selbst wurde evangelisch getauft, hatte aber sonst keine großen Berührungspunkte mit dem Glauben. Das änderte sich, als ich im Grundschulalter Mitglied der katholischen Malteser Jugend wurde. Deren Kindergruppe war schon bald mein zweites Zuhause. Ich erinnere mich an die tolle Gemeinschaft, abenteuerliche Zeltlager und gute Gruppenleiter.
Die Jugendseelsorger, die uns begleiteten, wurden mein Vorbild in Glaubensdingen. Diese Erfahrungen haben mich kirchlich-katholisch nachsozialisiert, so dass ich mich später entschied, zu konvertieren. Mit 19 Jahren empfing ich die Firmung und wurde in die katholische Kirche aufgenommen. In den Jahren zuvor hatte ich bei der Malteser Jugend immer mehr Verantwortung übernommen und selbst einen Gruppenleiterkurs gemacht.
Erste Berührung mit Don Bosco
In dieser Zeit hörte ich auch zum ersten Mal von Don Bosco und fand sein Leben sehr spannend. 1998 traf ich dann beim Katholikentag in Mainz zum ersten Mal auf Salesianer. Sie hatten einen Stand und ich nahm ein paar Prospekte mit. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich den Orden bald näher kennenlernen sollte. Zunächst aber stand mein Schulabschluss an. Ich verließ das Gymnasium nach dem Fachabitur und war mir sicher, dass ich beruflich etwas mit Pädagogik machen würde.
Für ein Studium der Sozialpädagogik benötigte ich vorab ein Jahrespraktikum. Und da mich die Arbeit der Salesianer interessierte, nahm ich meinen Mut zusammen und rief in der Jugendbildungsstätte Don Bosco in Jünkerath an. Es lief alles ganz unkompliziert. Ein paar Tage später zog ich mit Sack und Pack für ein Jahr in die Eifel.
Zu dieser Zeit lebten in Jünkerath noch etwa 15 Mitbrüder und zwei junge Novizen. Wir verstanden uns gut und ich fand es spannend zu sehen, wie sie sich auf den Weg in den Orden machten. Damals habe ich überlegt, ob es auch etwas für mich sein könnte. Aber die beiden beendeten das Noviziat vorzeitig. Ich weiß nicht, warum sie gegangen sind, aber es führte dazu, dass auch ich den Gedanken zunächst aufgegeben habe.
Stattdessen bin ich 2001 nach Köln gegangen und habe „Soziale Arbeit“ an der katholischen Hochschule studiert. Im Studium habe ich mich weiter mit salesianischer Pädagogik befasst, in der es darum geht, die Ressourcen und Fähigkeiten junger Menschen zu stärken. Als Pädagoge ist man ein Teil der Gruppe und begleitet Jugendliche auf Augenhöhe. Genauso hatte ich es auch bei den Maltesern erlebt.
Nach meinem Diplom arbeitete ich zunächst beim Jugendamt Wuppertal und wechselte dann als Jugendreferent in eine große Pfarrei in Düsseldorf, um wieder näher mit Jugendlichen zusammenarbeiten zu können. Es war eine vielseitige Aufgabe und hier merkte ich immer deutlicher, dass die Jugendarbeit mehr für mich war, als ein Beruf. Ich wollte es mit Haut und Haaren machen. Und so nahm ich den Kontakt zu den Salesianern wieder auf und entschied mich nach einigen Gesprächen, das Ordensleben kennenzulernen.
Ich kündigte meine Stelle in Düsseldorf und zog nach Chemnitz, wo ich als Aspirant mit den Salesianern lebte und arbeitete. Es gefiel mir so gut, dass ich nach ein paar Monaten ernsthaft begann, mich auf ein Noviziat in Italien vorzubereiten. Die letzten Wochen vor meinem Eintritt verbrachte ich in Verona und am Colle Don Bosco. Dort, am Geburtsort des Ordensgründers, befindet sich eine Basilika und eine größere Mitbrüdergemeinschaft. Ich vertiefte mein Italienisch und konnte nun selbst erfahren, wie Don Bosco dort gelebt und gewirkt hat.
Noviziat und berufliche Herausforderungen
Mein Novizenmeister sagte später immer: Um Don Bosco zu verstehen, muss man leben, wo er gelebt hat, schmecken, was er geschmeckt hat, die Berge sehen, die er gesehen hat. Und tatsächlich hat mich diese Zeit in Italien ganz besonders geprägt. Ich trat 2012 mit sieben anderen Männern aus Italien, Malta und Deutschland ins Noviziat ein. Wir verbrachten ein intensives Jahr miteinander und als wir gemeinsam die Profess ablegten, tat ich das aus großer Überzeugung. Tatsächlich sind alle Novizen dieses Jahrgangs auch heute noch im Orden.
Für mich war immer klar, dass ich Salesianerbruder und kein Pater werden würde, denn ich wollte als Sozialpädagoge gleich in die Arbeit mit den Jugendlichen starten. Um Pater zu werden, hätte ich zuerst Theologie studiert und dann die Priesterweihe empfangen. Es hätte Jahre gedauert, bis ich endlich dort angekommen wäre, wo ich ohnehin sein wollte. Als Salesianerbruder kann ich jungen Menschen im alltäglichen Miteinander meinen Glauben und ein zeitgemäßes Bild des Ordenslebens vermitteln, als Modell nicht als Lehrer.
Meine erste Aufgabe nach dem Noviziat führte mich ins Jugendhilfezentrum Don Bosco Sannerz in Hessen. Dort arbeitete ich zunächst in einer intensivpädagogischen-therapeutischen Wohngruppe und übernahm dann die Leitung einer therapeutischen Wohngruppe mit heilpädagogischem Schwerpunkt. Ein herausfordernder Einstieg mit Jungen zwischen 9 und 15 Jahren, die aufgrund ihres Störungsbildes in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht waren.
Nach vier Jahren wechselte ich nach Heiligenstadt in Thüringen, wo ich mit zwei anderen Mitbrüdern zusammenlebte und zum Teil in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, zum Teil im Kinder- und Jugend-Schutzdienst arbeitete. In dieser Zeit begann ich mich intensiv auf meine ewige Profess vorzubereiten, bei der ich mich endgültig mit dem Orden verbinden würde. Ich nahm an Exerzitien teil und sprach mit einem Supervisor und einem Therapeuten, um zu sehen, ob die Zeit reif dafür war.
Ewige Profess als bewusste Entscheidung
In all den Jahren der Vorbereitung habe ich niemals Druck verspürt oder das Gefühl, dass der Weg automatisch immer weiter in den Orden führte. Die ewige Profess zu empfangen, war eine Entscheidung, die ich in aller Freiheit treffen durfte. 2018 bin ich diesen Schritt in einem feierlichen Gottesdienst gegangen, an dem auch viele Weggefährten mitwirkten. Jugendliche aus Heiligenstadt, aber auch Malteser aus dem Rheinland, die mit ihrem Banner einzogen. Es war sehr bewegend.
Seit 2022 bin ich nun wieder in Jünkerath, wo alles mit einem Praktikum vor über zwanzig Jahren angefangen hat. So schließt sich der Kreis. Als neuer Leiter möchte ich die Jugendbildungsstätte zukunftsfähig machen, aktuelle Themen wie Umweltbildung und Demokratieerziehung aufgreifen und mit salesianischer Spiritualität verbinden. Es geht darum, junge Menschen stark zu machen, damit sie Verantwortung für sich selbst und ihre Welt übernehmen. Denn das ist es, was Don Bosco wollte.
Das Leben im Orden gibt mir die Möglichkeit, das zu tun, was in mir angelegt ist: Kindern und Jugendlichen eine Heimat geben - vor allem jenen, die es zu Hause nicht so gut haben. In Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit zu leben, mag zunächst wie eine Bürde wirken. Ich empfinde jedoch keinen Mangel. Dass der Orden für mich sorgt, gibt mir den Raum, mich ganz auf meine erfüllende Aufgabe zu konzentrieren. So kann ich mich entfalten und der werden, den Gott in mir sieht.
